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Unter dem Radar
Published 9 hours ago
Description
Nach einer doch etwas größeren Operation lautete die ärztliche Anweisung glasklar: schonen. Für einen Menschen mit Asperger heißt das allerdings nicht automatisch, gemütlich auf dem Sofa zu liegen. Es heißt vielmehr, den Alltag aus sicherer Entfernung zu beobachten, möglichst unauffällig unter dem Radar zu fliegen – und innerlich sehr genau zu registrieren, wie ringsherum langsam das Chaos ausbricht.
Denn während der Patient offiziell nichts darf, dürfen die anderen plötzlich alles. Vor allem seine Aufgaben übernehmen. Und zwar zusätzlich zu den eigenen, die natürlich nicht einfach höflich warten. So entsteht im Umfeld eine besondere Form der Betriebsamkeit: Alle laufen schneller, reden hektischer und fragen regelmäßig Dinge, deren Antworten sonst zuverlässig von genau jener Person geliefert werden, die nun demonstrativ nichts tun soll.
Der Alltag unterstützt dieses Experiment nach Kräften. Kaum glaubt man, einen funktionierenden Ablauf gefunden zu haben, taucht eine neue Besonderheit auf: etwas fehlt, etwas piept, jemand sucht etwas, oder eine Kleinigkeit entwickelt sich spontan zu einem abendfüllenden Projekt. Der Patient bleibt tapfer ruhig. Zumindest äußerlich. Innerlich werden längst Fehlerlisten geführt, Prioritäten sortiert und sehr vernünftige Verbesserungsvorschläge formuliert, die wegen des Schonungsgebots selbstverständlich niemand hören möchte.
Auch kulinarisch läuft es hervorragend – sofern man „hervorragend“ sehr großzügig auslegt. Das Essen zu Hause schmeckt plötzlich nicht mehr. Vielleicht liegt es an den Medikamenten, vielleicht am Geschmackssinn, vielleicht auch daran, dass Nudeln mit guter Absicht trotzdem Nudeln mit guter Absicht bleiben. Also wurde kurzerhand ein wissenschaftliches Forschungsprojekt gestartet: Jeder Lieferdienst der Umgebung musste getestet werden.
Pizza? Kontrolliert. Burger? Ausführlich geprüft. Sushi? Mehrfach validiert. Asiatisch, italienisch, indisch und alles, was sich in einer Pappschachtel transportieren lässt? Selbstverständlich in die Studie aufgenommen. Die Ergebnisse sind bislang eindeutig: Kochen wäre vermutlich günstiger, aber Forschung hat nun einmal ihren Preis.
So läuft die Genesung weiter: Einer schont sich möglichst unsichtbar, alle anderen rotieren sichtbar, und vor der Haustür wechseln sich die Lieferfahrer im Schichtbetrieb ab. Am Ende werden hoffentlich alle wieder gesund – der Patient von der Operation, die Helfer vom Stress und der Geldbeutel vom kulinarischen Ausnahmezustand.