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Bist du noch führbar? Alexandra Götze (354)
Description
„Ich bin da die Praktikantin. Da wird mir jeder sagen, was ich zu tun habe.“
Wer jahrelang geführt hat, weiß, wie Führung von oben aussieht. Wie sie sich von unten anfühlt, gerät schnell in Vergessenheit. Alexandra Götze hat daraus eine Methode gemacht: Sie geht als Praktikantin dorthin, wo sie niemand kennt, und lässt sich führen.
Alex ist Business Coach und begleitet seit vielen Jahren Führungskräfte bis ins obere Management. Ihr Weg dorthin verlief alles andere als lehrbuchmässig. Als gelernte Industriekauffrau stieg sie als Projektsekretärin in eine internationale Unternehmensberatung ein, blieb 18 Jahre und führte zuletzt eine Abteilung mit 45 Mitarbeitenden. Zwischendurch war sie neun Monate Animateurin auf Mallorca und jobbte nebenbei zwei Jahre lang beim Morgenradio, bevor um neun der Bürotag begann. Mit 40 machte sie sich selbstständig, später studierte sie Philosophie und Religionswissenschaft.
Humor ist eine Ressource. Humor ist für Alex eine essentielle Ressource, auch oder gerade in der Führung. Vor allem dann, wenn sie mit der Fähigkeit einhergeht, sich selbst nicht so ernst zu nehmen und wenn man sich die Fähigkeit bewahrt, über sich selbst lachen zu können. Dabei hat ihre eigene Humorbegabung Alex in ihrer Karriere - beinah - ein Bein gestellt, denn nicht alle Vorgesetzten haben ihren Sinn für Humor als Stärke interpretiert. Was sie daraus über Feedback gelernt hat, gibt sie heute an ihre Klientinnen und Klienten weiter.
Wer geführt wird, sieht Führung anders. Altenheim, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, ein Haus für schwerst mehrfach behinderte Kinder, eine alte Abtei bei Oxford, der Frankfurter Zoo. Überall war Alex Praktikantin. Sie war plötzlich wieder diejenige, der man sagt, was zu tun ist. Selbstgewählt. Sie hat gezielt die Herausforderung gesucht, sich in die Rolle der Anfängerin, der Weisungsgebundenen zu begeben, um am eigenen Leib wieder zu erfahren, was Führung auch mit einem machen kann. Ein Konflikt mit einer gestressten Chefin in England hat ihren Blick aufs Coaching verändert und sie, wie sie sagt, demütiger gemacht.
Fragen zu dürfen ist eine Führungsaufgabe. Ein Jahr lang hat Alex sich bei Bestattern beworben, bis sich eine Tür öffnete. Dort lernte sie, die Peinlichkeit des Fragens über Bord zu werfen. Ihre Frage an Führungskräfte lautet seitdem: Wie sorgst du dafür, dass das nicht zu Fragende gefragt werden darf?
Worüber wir noch gesprochen haben:
- Leave of Absence: Wie eine Beraterin als Animateurin nach Mallorca ging und zurückkam
- Unführbar: Was den Ausstieg nach 18 Jahren Beratung ausgelöst hat
- Systemisch: Was passiert, wenn man darauf nur eine schnelle Antwort parat hat
- Rollenspiele: Warum sie im Coaching zu den stärksten Methoden gehören
- Alltagsbegleiterin: Wann man aufhören darf, wenn es keine Freude mehr macht
Alexandra Götze erzählt ihren Weg mit einer Leichtigkeit, die man sich erst einmal erarbeiten muss, und mit einer Selbstironie, die nie zur Pose wird. Hinter ihren Erfahrungenl, Erkenntnissen und den Anekdoten steht eine ernste Haltung: Wer andere begleitet, muss bereit sein, selbst wieder Anfängerin zu sein. Ihr Fazit nach all den Stationen klingt bescheiden und ist für eine Beraterin ziemlich radikal. Sie weiß jetzt noch mehr, dass sie nicht weiß. Ein Gespräch unter Freundinnen, offen, witzig und erstaunlich tief. Ein Must-Hear für alle, die führen und dabei neugierig bleiben wollen.
Interview: Jule Jankowski
Weiterführende Links:
➡️ Alexandra Götze, Website
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