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Wir müssen mehr Ambiguitätstoleranz wagen!

Published 1 day, 15 hours ago
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„Kremlnah“, „rechtsoffen“, „Desinformation“, „Verschwörungserzählungen“ – die radikale Mitte verteilt mal wieder ihre Stempel und die NachDenkSeiten sind mal wieder die Zielscheibe. Freunde werden Campact und die NachDenkSeiten in diesem Leben wohl nicht mehr. Warum auch? Leider ist Campact aber durchaus repräsentativ für die Debatten-Unkultur des Mainstreams – „Wir haben recht und wer uns widerspricht, kriegt einen Stempel verpasst“. Der Wettstreit der Ideen, der eine moderne, aufgeklärte und demokratische Gesellschaft eigentlich ausmachen sollte, ist nicht mehr gefragt. Ist es nicht bittere Ironie, dass gerade diejenigen, die sich selbst als aufklärerisches Bollwerk der Demokratie gegen den Autoritarismus verstehen, sich mit autoritären Mitteln vor jeglicher inhaltlichen Debatte abschotten? Dabei gäbe es sogar eine Lösung und die trägt das schaurig-schöne Wort „Ambiguitätstoleranz“. Und was für Campact gilt, gilt für die Gesellschaft als Ganzes. Wir müssen mehr Ambiguitätstoleranz wagen, sonst wird das nichts mehr mit unserer schönen Demokratie. Ein Essay von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Es gibt Begriffe, die klingen zunächst einmal nach einem Seminar für angehende Psychotherapeuten und beschreiben doch ziemlich genau, woran unsere politische Debatte derzeit krankt. „Ambiguitätstoleranz“ ist so ein Begriff. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten, ohne sofort in einfache Erklärungsmuster zu flüchten. Wer diese Widersprüche toleriert, akzeptiert, dass die Welt komplex ist. Dass zwei einander widersprechende Aussagen gleichzeitig einen wahren Kern enthalten können. Dass ein politischer Konflikt verschiedene Ursachen hat. Dass es nicht immer nur Gut und Böse, Täter und Opfer, Freund und Feind gibt.

Wie komplex die Welt ist, zeigen die Debatten der letzten Jahre. Egal ob es um die Coronamaßnahmen, den Ukrainekrieg oder den Umgang mit der AfD geht – komplexe Themen mit vielen Grautönen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen, die jedoch in der medialen und politischen Debatte erstaunlich unterkomplex diskutiert werden. Hier ist sie, die fehlende Ambiguitätstoleranz. Wer die Coronamaßnahmen kritisierte, wurde von Politik und Medien reflexartig als „Coronaleugner“ abgestempelt. Wer die Mitschuld der NATO an der Eskalation der Ukrainekrise auch nur andeutet, ist sofort „kremlnah“. Und wer in der AfD und ihren Wählern etwas anderes als nur tumbe Nazis sieht, die die Demokratie abschaffen wollen, bekommt den Stempel „rechtsoffen“. Man geht jeglicher Debatte aus dem Weg, will Mehrdeutigkeiten und Widersprüche gar nicht erst wahrnehmen und flüchtet sich stattdessen in Etikettierungen, die das Leben leichter machen.

Es ist nicht mehr von Bedeutung, was gesagt wird, sondern nur noch, von wem es gesagt wird. Die Stempelmaschine ist gut geölt und wer das Falsche fragt, bekommt einen Stempel aufgedrückt, so dass jeder da draußen weiß, dass er sich die Argumente gar nicht erst anhören muss. Euphemistisch wird das dann „Einordnung“ genannt. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch Ambiguitätsintoleranz – die Verweigerung einer Debatte inhaltlich komplexer Themen mittels Etikettierungen.

Diese Entwicklung ist übrigens in Deutschland vergleichsweise neu. Ich kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, dass der einordnende Mainstream Kritiker des Irakkriegs als „bagdad-nah“ bezeichnet hätte, und wer damals den US-Krieg in Vietnam kritisiert hat, wurde auch nicht als „Hanoi-Versteher“ vom Diskurs ausgeschlossen. Sicher war früher nicht alles besser, aber wer sich heute einmal die alten Ausgaben der Tagesschau zu den Demonstrationen der Friedensbewegung anschaut, dem muss es wie Schuppen von den Augen fallen, in welche Richtung sich der öffentlic

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