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Back to EpisodesNicht jedes Risiko lohnt sich: Freiheit, Ruf und Lebenszeit (Letters to a Young Lawyer 10)
Description
«Sie sind alle unschuldig.»
Nina Langner sagt diesen Satz, als Duri Bonin nach dem gemeinsamen Nenner der Klient:innen ihrer Strafrechtskanzlei sucht. Zuvor haben die beiden drei verschiedene Risikotypen unterschieden und versucht, sich selbst und Menschen aus ihrer anwaltlichen Praxis darin wiederzuerkennen. Duri lacht und erklärt die Antwort sofort zum Podcasttitel.
Die Pointe ist leicht. Ihr rechtsstaatlicher Kern ist ernst: Eine beschuldigte Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig. Eine Handlung kann riskant, wirtschaftlich schwer verständlich oder aus der Distanz unvernünftig erscheinen. Daraus folgt noch nicht, dass sie strafbar war.
Genau diese Distanz zwischen dem Blick von aussen und der Perspektive der handelnden Person führt zum eigentlichen Thema der Folge. Duri Bonin und Nina Langner lesen Kapitel 8 aus Alan M. Dershowitz’ «Letters to a Young Lawyer». Sein Titel enthält eine Warnung: Man soll nicht gefährden, wovon man zu wenig besitzt, um mehr von dem zu erhalten, wovon man bereits reichlich hat.
Der Gedanke klingt zunächst einfach. Im Gespräch zeigt sich, weshalb er das nicht ist.
Darum geht es in dieser Folge
- Weshalb Duri Bonin und Nina Langner dieses Kapitel zum zweiten Mal aufnehmen.
- Warum der Gedanke von Alan Dershowitz schwieriger zu erklären ist, als sein Titel vermuten lässt.
- Welche Güter auch für wohlhabende und erfolgreiche Menschen knapp bleiben.
- Warum zusätzliches Geld subjektiv wertvoller erscheinen kann als Freiheit, Ruf oder Lebenszeit.
- Was das Beispiel einer wohlhabenden älteren Person über ungleich gewichtete Gewinne und Verluste zeigt.
- Weshalb Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Bill Clinton im Gespräch als Beispiele für schwer verständliche Risiken auftauchen.
- Welche drei Risikomuster Duri Bonin und Nina Langner unterscheiden.
- Wie frühere Erfolge oder ausgebliebene Folgen die Wahrnehmung einer Grenze verändern können.
- Warum ein Verhalten von aussen anders erscheint als aus der Lebenssituation der handelnden Person.
- Welche Rolle die Causa Vincenz für diesen Perspektivenwechsel spielt.
- Was der Satz «Sie sind alle unschuldig» über die Aufgabe der Strafverteidigung aussagt.
- Weshalb ein Leben ohne Risiken weder möglich noch zwingend erstrebenswert ist.
- Wie sich sinnvolle Risiken von Verlusten unterscheiden lassen, die durch das mögliche Ziel kaum zu rechtfertigen sind.
- Welche Frage vor einem möglicherweise lebensverändernden Schritt gestellt werden sollte.
Der schwierige Gedanke hinter einem einfachen Satz
Dershowitz unterscheidet zwischen Gütern, die eine erfolgreiche Person bereits in grosser Menge besitzt, und Gütern, die auch durch Reichtum, Macht oder Einfluss nicht beliebig vermehrt werden können. Zum ersten Bereich gehören etwa Geld, beruflicher Erfolg, gesellschaftliche Anerkennung oder Einfluss. Zum zweiten gehören Freiheit, Gesundheit, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Beziehungen und Lebenszeit. Die Unterscheidung wird wichtig, sobald ein möglicher Gewinn und ein möglicher Verlust nicht dieselbe Qualität besitzen. Zehn weitere Millionen Franken können finanziell bedeutend sein. Sie bleiben grundsätzlich ersetzbar. Ein verlorenes Jahr in Freiheit, ein zerstörtes Vertrauensverhältnis oder gemeinsame Zeit mit einem schwer kranken Menschen lassen sich dagegen nicht auf dieselbe Weise zurückgewinnen.
Der Denkfehler besteht deshalb nicht zwingend darin, überhaupt ein Risiko einzugehen. Er liegt in der möglichen Verwechslung zweier Fragen:
- Wie wahrscheinlich ist es, dass die Entscheidung negative Folgen hat?
- Was genau geht verloren, wenn diese Folgen eintreten?
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