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Sind jetzt alle Beziehungen parasozial? Dr. Johanna Degen (339)

Sind jetzt alle Beziehungen parasozial? Dr. Johanna Degen (339)

Episode 339 Published 4 weeks ago
Description
Sozialpsychologin Dr. Johanna Degen über Nähe, Führung und ehrliche Beziehungsgestaltung in der digitalen Arbeitswelt

"Weich im Ton, hart in der Sache. Das Fiese darf auf jeden Fall weg."
Wieviel Nähe verträgt oder braucht eine Beziehung? Auch im Job? Wieviel Ehrlichkeit ist zu verkraften? ZDr. Johanna Degen, promovierte Sozialpsychologin an der Europa-Universität Flensburg, Paar- und Sexualtherapeutin und als "Dr. Tinder" aus ZDF, Arte und Spiegel bekannt berichtet über Beziehungsgestaltung, auch in der Arbeitswelt. Sie forscht zu Liebe, Dating und Intimität im digitalen Zeitalter, hat das Wissenstransfer-Projekt Teach LOVE gegründet und gerade als eine der Ersten empirisch beschrieben, was 2025 zum Cambridge-Wort des Jahres wurde: Parasozialität. Jule Jankowski holt sie aus der Ecke der Paartherapie mitten hinein ins Good-Work-Prinzip der gelungenen Beziehungsgestaltung.
Warum mehr Ehrlichkeit befreit — und wie man sie sagt
Wir leben, so Johanna, in einer Misstrauensgesellschaft: fluide Beziehungen, wenig Belastbarkeit, wenig Vertrauen in Arbeitgeber und Politik. Ihr Plädoyer ist trotzdem nicht das der schonungslosen Radical Honesty. Sagt die Dinge, aber sagt sie freundlich und so, dass sie genommen werden können. Das Unterbewusste erkennt ohnehin, was los ist. Ihr Credo: Lieber aussprechen, was man meint, als es in impliziten Mechanismen unterlaufen zu lassen.
Der Konsensmantel und die erkennbare Führung
Besonders scharf wird ihr Blick auf hyperreflektierte Milieus, die korrekt sprechen, aber auf Handlungsebene ein Gap haben. In Firmen wie in Familien entsteht so eine Gewalt unter dem Konsensmantel: Verantwortung wird diffus, das Kind — oder die Mitarbeiterin — bleibt mit dem Gefühl zurück, selbst falsch zu sein. Johannas Gegenentwurf ist die erkennbare Führungskraft: barmherzig, aber mit klarer Linie. Nicht Co-Existenz, sondern Haltung.
Wir binden uns an die Figuren im Endgerät
Das parasoziale Selbst baut sich daraus auf, welchem Feedback wir folgen. Die Menschen im Handy werden zu signifikanten Bezugspersonen, manchmal sogar wichtiger als Freunde, Familie oder öffentliche Medien. Übertragen auf die Arbeit heißt das: remote ja, aber Menschlichkeit kostet etwas. Echte Begegnung und auch informeller Austausch sind essentiell. Nur so merken wir, dass hinter der glatten Wand ein ganzer Mensch mit Seele sitzt.
Worüber wir noch gesprochen haben:

  • Duschen als Diagnose: Wie die Zuwendung zum eigenen Körper viel über Führung und Intimität erzählt
  • Override statt Konsens: Warum die Big-Data-Studie mit der TU München zeigt, dass das deutliche Nein am seltensten gehört wird
  • Zero Meeting Policy: Warum Degens eigenes Business keine Meetings kennt, aber Kanufahren verordnet
  • Ekstase auf Rezept: Was passiert, wenn Studierende vier Monate lang wieder analog leben müssen

Ein Gespräch, das mit der Sexualtherapie beginnt und beim Kern guter Zusammenarbeit landet: bei der Frage, wie wir Menschlichkeit nicht verlieren, wenn alles fluide, digital und ökonomisch unterlaufen wird. Klug, warm, unideologisch — und mit dem Versprechen auf eine zweite Runde.
*Interview: Jule Jankowski*Interview: Jule Jankowski


Weiterführende Links

➡️ Uni Flensburg
➡️ Teach Love
➡️ Johanna Degen auf Instal
➡️ Teach Love auf Insta



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