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Reifes Obst

Published 3 weeks, 5 days ago
Description
Der Bibeltext Amos 8,1-10 – ausgelegt von Friedhelm Ackva.

Erschreckende Bilder – damals und heute

„Die folgende Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet." – Solche Warnungen gibt es im Fernsehen noch vor Horrorfilmen oder schlimmen Reportagen über Krieg und Verbrechen. Etwas Ähnliches möchte ich auch über manchen grausigen Bibeltext schreiben, so auch über den eben gehörten: „Nicht geeignet für zart besaitete Seelen." Denn es geht um Berge von Leichen, um Wehklagen, um eigenartige Gestalten in Trauersäcken und mit kahlrasierten Köpfen, um den Tod des einzigen Sohnes und das „bittere Ende" (V. 10).

Leider bin ich heutzutage nun doch vertraut mit solchen Katastrophenbildern, ich habe mich an Massaker gewöhnt und bin schon etwas abgestumpft. Manchen können die Horror-Szenen in Thrillern und bei Gewaltspielen oft nicht grausam genug sein. Und deswegen können und sollten wir uns gerade mit dieser Botschaft in der Bibel heute beschäftigen.

In Schulen ist im Religionsunterricht in der Mittelstufe der Prophet Amos durchaus noch Thema, gerade aufgrund seiner Sozialkritik an den Mächtigen. Die gehörten Visionen von den Heuschrecken, dem Feuer und dem Bleilot sind in manchen Schulbüchern bildlich umgesetzt, auch die heutige vierte Vision vom Obstkorb: Ein Erntekorb mit reifen Früchten, so wie wir ihn vielleicht in diesem Sommer gerade erleben. Reifes Obst ist wunderbar, aber es kann schnell auch verderben. Von „reif" zu „überreif" und hin zu „faul" ist der Weg oft kurz, kürzer als erwünscht. Gerade auch bei süßen Feigen, an die in der orientalischen Welt wohl hier am ehesten zu denken ist.

Das Wort „reif" hat eine bewusste Doppeldeutigkeit in sich. Überreife Früchte weisen auf das Ende hin. Reif, nicht zum dankbaren Verzehr, sondern: Reif für das Gericht. Das ist die Situation des Volkes. Die Lieder im Tempel werden in Heulen verwandelt. An allen Orten liegen viele Leichname, die man heimlich hinwirft. Schrecklich!

Es erinnert mich an die Berge von Leichen in den KZs, an die Flüchtlingstrecks im Winter 44/45, bei denen die Kinderleichen im Straßengraben zurückgelassen werden mussten. Oder ich denke an den Anfang der Corona-Pandemie, als die Bilder von gestapelten Särgen in Bergamo oder New York mich so in Angst und Schrecken versetzten, dass ich alles Mögliche und Unmögliche an Schutzmaßnahmen in Kauf genommen habe, um das bei uns zu verhindern.

Es stockt mir der Atem. Ich kann nur noch entsetzt schweigen … Und genau das geschieht im Text – eigentlich. Denn da steht nach Vers 3 ein hebräisches Wort, das die Hörbibel mit dem Luthertext leider nicht aufnimmt: „Haas!" d. h. „Pssst!" „Still!" – Die zugegeben schwierige Lesart im Urtext wird von der ökumenischen Einheitsübersetzung umgesetzt, wenn sie schreibt: „Alles ist voller Leichen, überall wirft man sie hin. Still!" Die Basis-Bibel übersetzt: „Es herrscht Totenstille!" Was denn auch sonst? Da fehlen mir die Worte. Wo doch sonst auf allen Kanälen geredet wird und man dem Schweigen nicht auch seinen Wert zugesteht. – Pssst! Innehalten!

Was ist faul in der Gesellschaft? – Sozialkritik des Amos

Warum ist die Lage so schlimm? Was ist „faul im Staate Israel?", frage ich in Abwandlung von Hamlet und im Bild des überreifen, faulenden Obstes im Korb bleibend. Was ist faul in der Gesellschaft des 8. Jahrhunderts vor Christus, in der

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