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Back to EpisodesDer Aufruhr des Demetrius
Description
Wenn die Götter wackeln.
Ephesus, die Weltstadt in Kleinasien, hatte ein großes Freilufttheater, eine Arena, mit 66 kreisförmig übereinander liegenden Sitzreihen mit etwa 25.000 Sitzplätzen. Stellen wir uns einen Moment lang heutige Fußball-Arenen vor, und hören wir, wie die Gefühle von Tausenden sich in Chören Luft machen und gegenseitig verstärken. Das hören wir bereits weit vor der Arena. In solchen Lärm hinein führt uns der gerade gehörte Bericht.
Doch bevor wir uns unter die aufgebrachte Menge mischen, blicken wir noch hinauf zu dem gegenüber liegenden Hügel. In majestätischer Ruhe thront dort eines der 7 Weltwunder:
Der Tempel der Artemis/Diana. Ein uraltes Heiligtum. Innen thront eine Diana-Figur, die einst direkt vom Himmel gefallen und an dieser Stelle gefunden worden sei, sagt man in Ephesus. Von hier aus wird sie als Fruchtbarkeitsgöttin rings um das Mittelmeer verehrt. Sie hat viele Brüste, trägt Kornähren, wird von einer Rehgeiß und einer Hirschkuh mit prallen Eutern begleitet. Ihr Kult ist zur Zeit unseres Berichtes noch weit verbreitet rings um das Mittelmeer. Ephesus aber ist zu ihrem hochkarätigen Wallfahrtsort geworden.
Aber wie lange noch? Denn: In den Geschäftsbüchern eines Silberschmiedes namens Demetrios zeigt sich eine merkwürdige Tendenz. Seit etwa 2 Jahren gehen die Umsätze zurück, die Nachfrage nach Abbildungen des Tempels und der Diana lässt erkennbar nach. Er und viele Handwerker, Arbeiter und Wiederverkäufer würden erhebliche Verluste haben, wenn das so weitergeht. Also versammelt er sie und hält eine flammende Rede, etwa so: „Hinter dieser katastrophalen Entwicklung steckt Paulus, der jüdische Wanderprediger, der seit 2 Jahren unter uns wohnt und hier, wie in ganz (Klein-)Asien verbreitet: ‚Das sind keine Götter, die mit Händen gemacht sind.‘ Und: ‚Gott wohnt nicht in Tempeln von Menschen gemacht.‘ Wenn das so weitergeht, wird es nicht nur unserem Handel schaden, sondern auch dem Tempel und der großen Göttin Diana, deren Verehrung im ganzen Weltkreis untergehen wird!“ – Und mit ihr die alte Götterwelt. Man ahnt es wohl: Die Götter wackeln.
Lokalpatriotismus
Diese Brandrede zündet ein gewaltiges Feuer an, das schnell auf die ganze Stadt überspringt. „Groß ist die Diana der Epheser!“ wird zum Schlachtruf, dem sich die Menge selbstverständlich anschließt, auch wenn den meisten nicht ganz klar ist, worum es eigentlich geht. Die Hörer der Rede aber werden die anderen so weit wie möglich, in Kurzform, informieren: Es geht um Glauben, Wohlstand und (Lokal-)Patriotismus. – Oder auch in umgekehrter Reihenfolge: Patriotismus, Wohlstand, Glauben - jedenfalls für jeden etwas und für alle alles.
Dieser Dreiklang kommt mir bekannt vor, erscheint immer wieder in politischen Programmen und griffigen Parolen. Und es gab nicht nur eine Diana der Epheser, es gab auch eine Diana der Deutschen, es gibt sie wieder als Kolossal-Diana der Russen, als Super-Diana der Amerikaner, also in Ost und West. Immer groß ist die Diana. Immer wenn Menschen oder Ideologien unsere Verehrung fordern und das auch noch religiös begründen oder mit Wohlstand und Patriotismus.
Zurück nach Ephesus. Betreten wir den Hexenkessel der Arena. Ein unbeschreiblicher Tumult. Die meisten wissen auch hier nicht, worum es eigentlich geht. Wir entdecken auch niemand, der nun das Wort ergreift. Demetrius, der Anstifter des Ganzen, ist nicht zu sehen. Vielleicht ist ihm diese Folge seiner Rede über den Kopf gewachsen. Wir vermissen auch Paulus. Später hören wir, dass er bei dem befreundeten christlichen Ehepaar Aquila und Priscilla den Aufruhr verbracht hat. Sicher in inständigem Gebet mit ihnen. Da wird es um die Menschen in der Arena, darunter zwei Gefährten des Paulus, gegangen sein. Die Gefahr eines Progroms lag in der Luft. Deshalb hatten einflussreiche Leute ihn abgehalten,