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Vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen

Published 11 months, 3 weeks ago
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Der Bibeltext Lukas 15,1-10 – ausgelegt von Nils Bremer.

Der geht zu den Neunundneunzigern. So redete man früher[MB1]  über Menschen, die sich zu einer christlichen Gemeinde hielten. Da gibt es die große Mehrheit der sogenannten Frommen und eine Minderheit, die nicht dazu gehört. Ein Bild, das ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Heute ist es wohl eher umgekehrt: die Vielen, die stehen dem Glauben gleichgülitg oder ablehnend gegenüber; die Wenigen bekennen sich zu ihrem Glauben.

War es zur Zeit Jesu so viel anders? Ich denke nicht. Zwar hatte Glaube und Religion im antiken Israel einen viel höheren Stellenwert als in unserer heutigen Gesellschaft. In den Augen Jesu aber verhalten sich die gläubigen Pharisäerv und Schriftgelehrten oftmals heuchlerisch. Religion wird bei ihnen zum Machtinstrument, mit dem sie sich über andere erheben können. Nach dem Muster: wir sind etwas Besseres als diese Zöllner und Sünder da. Daher die Empörung der Frommen darüber, dass Jesus sich mit ihnen einlässt.

Im Glauben geht es einzig und allein um eines: ums Verloren gehen und ums Wiedergefunden werden. Um das zu verdeutlichen, erzählt Jesus seinen Zuhörern zwei Gleichnisse. Das Bild von der wertvollen Silbermünze mag uns näher sein als das vom Schaf und dem Hirten. Auch leuchtet es nicht unmittelbar ein, weshalb ein Schaf wichtiger sein soll als neunundneunzig andere. Denn auch deren Leben könnte während der Abwesenheit des Hirten gefährdet sein. Der Wolf könnte nur auf diesen Augenblick gewartet haben, um die Herde zu überfallen.

Begeht der Hirte nicht einen schweren Fehler? Die große Herde lässt er zurück zugunsten eines einzelnen Schafes, das wirtschaftlich gesehen kaum ins Gewicht fällt. Die Antwort auf diese Frage lautet: nein. Dreimal Nein.

Denn gerade dieses Schaf hat einen besonderen Platz im Herzen des Hirten. Von klein auf hat er es aufgezogen; an seiner Stimme unterscheidet er es von allen anderen Tieren; er hat es liebgewonnen mit allen seinen Fehlern und Schwächen. In seinen Augen ist dieses Schaf so wertvoll wie für die arme Witwe die Silbermünze.

Das zweite Nein: das verirrte Schaf ist allein für sich verloren. Ohne den Schutz der Herde und des Hirten wird es die kommende Nacht wahrscheinlich nicht überleben; das weiß der Hirte. Und schließlich, am wichtigsten: das verirrte Schaf bin ich selbst.

Verlorene Schafe sind wir alle, Sie und ich. Ohne Gott, den guten Hirten, werden wir die Ewigkeit in Einsamkeit verbringen. Wollen Sie das? Ich nicht, und Gott auch nicht. Er möchte Gemeinschaft haben mit Ihnen und mit mir.

Gott geht jedem einzelnen Menschen nach. Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaardv hat das vor hundertfünfundsiebzig Jahren in einer anschaulichen Geschichte beschrieben. Ein einfacher Arbeiter erhält Besuch von einem Boten des Kaisers. Und welche Botschaft überbringt der Gast? „Ich, der Kaiser, will meine Tochter mit dir vermählen, du sollst Teil der kaiserlichen Familie werden.“ Etwas Besseres könnte dem armen Mann nicht passieren, sollte man meinen: eine hübsche Prinzessin zur Braut und nie mehr Sorgen um Geld. Da muss ich doch einschlagen! Aber von wegen! Es kommt ganz anders.

Das Angebot des Kaisers macht den Mann befangen und verlegen. Wie kommt das? Der Mann kann das Geschenk nicht annehmen, weil er dem Kaiser nicht vertraut. „Ich habe doch gar nichts getan, was mir beim Kaiser Anerkennung verschaffen könnte. Das kann doch nicht ernst gemeint sein; der Kaiser muss einen bösen Hintergedanken haben; er will mich zum Narren halten und mich vor meinen Nachbarn lächerlich machen.“

Ist das nicht erstaunlich und traurig? Nur ein schlichtes „Ja, ich

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