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Der Prophet erfährt von der Eroberung Jerusalems

Published 7 months, 2 weeks ago
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Der Bibeltext Hesekiel 33,21-33 – ausgelegt von Dietmar Kranefeld.

In diesem Jahr haben wir uns in Deutschland an ein besonderes Datum erinnert: 1945 – also vor 80 Jahren – endete der zweite Weltkrieg, am 8. Mai 1945. In diesem Zusammenhang wird häufig von der „Stunde Null“ gesprochen als einem besonderen Wendepunkt in unserer Geschichte. Ein Neuanfang in Gesellschaft und Politik war möglich. Aus den Trümmern des 3. Reiches entstand der demokratische Staat, indem wir heute als vereintes Land leben.

Ein solches Ereignis in der Geschichte Israels, das zu einem Wendepunkt wurde, wird uns auch in unserem Text geschildert: Und es begab sich im zwölften Jahr unserer Gefangenschaft am fünften Tag des zehnten Monats, da kam zu mir ein Entronnener von Jerusalem und sprach: Die Stadt ist genommen.

Die jahrelange schreckliche Belagerung Jerusalems ist zu Ende. Der Feind aus Babylon hat gesiegt. Hesekiel hat dieses Ereignis als Gericht Gottes angekündigt. Ein Zeichen, dass er das Wort Gottes recht verkündigt hat.

Für Hesekiel, der auf Gottes Veranlassung bis zu diesem Tag mehrere Jahre stumm sein musste, war es ein großer Einschnitt, eine Befreiung:

Und die Hand des HERRN war über mich gekommen am Abend, bevor der Entronnene kam, und er tat mir meinen Mund auf, als jener am Morgen zu mir kam. Und mein Mund wurde aufgetan, sodass ich nicht mehr stumm sein musste.

Hesekiel darf nun nach vorn sehen. Nun kann er wieder mit den Menschen reden, nun kann er wieder ermutigen und trösten, ermahnen und von seinen Erfahrungen mit Gott erzählen. Ja, er durfte auch in der Zeit seines Stummseins Gottes Worte weitergeben, wenn Gott ihm eine spezielle Offenbarung für die Menschen gibt. Aber nun kann er persönlich mit ihnen im Gespräch sein. Nun kann er wieder im vollen Sinn kommunizieren, auf Fragen eingehen und in persönliche Situationen hineinsprechen. Nun kann er wieder mit Menschen beten. Mir wird wieder deutlich, welch ein Geschenk die Sprache ist! Und wie wichtig es ist, sorgsam mit unseren Worten umzugehen und Gott um die richtigen Worte zu bitten.

Für viele Menschen bedeutet die Eroberung Jerusalems aber unbeschreibliches Leid. Wer die Klagelieder Jeremias liest, bekommt einen Eindruck von dem Leid und der Trauer des Propheten über das, was geschehen ist. Aber er spricht auch von Schuld, die Israel auf sich geladen hat, und von Umkehr und Buße, die nun notwendig sind.

Das ist ja das Ziel des Handelns Gottes mit Israel: Umkehr – Rückkehr zu ihm, dem lebendigen Gott. Gott freut sich, wenn Menschen zu ihm umkehren. „Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,“ kann Jeremia sagen. Bis heute. Wir müssen nur in das Lukasevangelium, Kap. 15 schauen: Jesus beschreibt uns Gott als den, der sucht und ruft, der „heim-sucht“, der sich freut, über den einen Sünder der Buße tut. Ja, in der Person von Jesus Christus wird Gott Mensch, um uns aufzusuchen und uns die Chance zur Umkehr zu geben. Unsere Sünden trägt er an das Kreuz, und in der Hinwendung zu ihm können wir unsere „Stunde Null“, unseren Neuanfang finden.

Doch Gott stellt bei den Zurückgebliebenen Israeliten fest: So denken die meisten Überlebenden nicht! Fast trotzig hört sich an, was ihm zu Ohren kommt: Abraham war ein einzelner Mann und nahm dies Land in Besitz; wir aber sind viele, uns ist das Land zum Eigentum gegeben.

Gottes Antwort ist eindeutig: Darum sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Ihr habt Blutiges gegessen und eure Augen zu den Götzen aufgehoben und Blut vergossen – und ihr wollt das Land besitzen? Ihr verlasst euch auf euer Schwert und übt Gräuel, und einer schändet die Frau des andern – und ihr wollt das Land besitzen?

Nein, da ist keine Einsicht, keine Sündenerkenntnis, kein Schuldbekenntnis, keine Bitte um Vergebung. So wird die Stunde der Eroberung Jerusalems nicht zur „Stunde Null“ in der Geschichte dieser Menschen werden.

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