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Warum erinnern sich Alzheimer-Patienten an ihre Kindheit, aber nicht ans letzte Frühstück, Eckart von Hirschhausen?
Published 2 months, 1 week ago
Description
Unser Gehirn besteht aus verschiedenen Bereichen. Es gibt ältere und neuere Teile. Zum Beispiel erinnern sich viele an Gerüche aus der Kindheit – die sind im Hippocampus abgespeichert. Das ist ein sehr tiefer, ursprünglicher Teil vom Gehirn. Es ist der Teil des Gehirns, der aber auch für die Bildung und das Abrufen neuer Erinnerungen zuständig ist. Bei Alzheimer-Demenz ist die Region des Hippocampus besonders früh betroffen.
Musik wiederum hat die Eigenschaft, dass sie sehr stabile Erinnerungen schafft. Und die Musik, die wir so zwischen 15 und 25 gehört haben, die bleibt sehr lange im Gedächtnis erhalten. Man vermutet, dass sich in dieser Zeit die Identität maßgeblich entwickelt.
Ein Mann, den ich für meine Doku getroffen habe, der gar nicht mehr wusste, wohin er gereist ist, wusste noch, wie Bob Dylan klingt und wie das Lied weitergeht. Das hängt damit zusammen, dass Erinnerungen, die schon lange her sind, also vor allem solche aus der Kindheit, oft stabiler sind und stärker in mehreren Hirnarealen verankert. – Wahrscheinlich sind sie also auch außerhalb des Hippocampus abgespeichert, weil sie über die Jahre hinweg oft wiederholt und abgespeichert wurden.
Die Erinnerungen sind nicht notwendigerweise sonderlich detailreich oder lebhaft. Stattdessen wurden sie in den Wissensbestand über das eigene Leben und die Identität aufgenommen. Deshalb sind diese Gedächtnisinhalte robuster als die Erinnerungen aus der jüngeren Vergangenheit.
Wenn eine Person, die an Alzheimer erkrankt ist, also jeden Morgen seit 40 Jahren dasselbe Frühstück isst, wäre das wohl eine eher stabile Erinnerung. War es ein spontanes Frühstück, wäre eine Anekdote aus den Jugendjahren wahrscheinlich viel klarer.
Das ist auch ein wichtiger Hinweis auf eine therapeutische Dimension, denn wir können unser Musikgedächtnis nicht nur trainieren, indem wir Musik hören, sondern auch aktiv werden, singen, tanzen, musizieren – und auch wenn man das als Jugendlicher nicht gemacht hat, das lohnt sich in jeder Lebensphase.