Episode Details
Back to EpisodesIn Schmach, Schande und Scham (1)
Description
O – was ist denn hier los? Sind die Psalmen im Alten Testament der Bibel nicht voller Loblieder, voller Zuversicht und Freude, sind es nicht Texte, die Trost und Hoffnung spenden? Ja, das ist in vielen Fällen richtig, aber es gibt auch Psalmen, in denen ihre Autoren mit einer großen Ehrlichkeit und ohne Beschönigung beschreiben, wie schwer das Erlebte war oder welche Unruhe und Traurigkeit sie erlebt haben. Hier, im Psalm 69, redet jemand, der in sehr schweres Fahrwasser geraten ist. Hier redet jemand, der der Verzweiflung nahe ist. Hier redet jemand, der in heftige Bedrängnis geraten ist und Gott dies alles vorträgt. Im Leben des Verfassers dieses Psalms, des Königs David, ist eine harte Zeit angebrochen. Und ich frage mich unwillkürlich: Wie konnte es dazu kommen? Kenne ich David nicht als einen König, der in Gottesfurcht, Weisheit und Glauben sein Volk geführt hat? Jemand, dem Gott Siege geschenkt hat? Jemand, der in seinem Leben auch versagt hat und dieses Versagen Gott eingestanden und Gnade und Neuanfang erfahren hat?
Davids Name wird sogar an vielen Stellen in der Bibel bis ins Neue Testament als eine positive Referenz genannt. David als “Mann nach dem Herzen Gottes” im 1. Buch Samuel Kapitel 13 und Apostelgeschichte, Kapitel 13. David als Vorbild für spätere Könige. David als Dichter vieler Psalmen, die bis heute Trost spenden: Denken Sie nur an Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ David wird im Matthäus- und Lukas- Evangelium sogar als Vorfahre Jesu Christi genannt und Jesus wird mit der Ergänzung, “du Sohn Davids” angesprochen. Und hier nun in Psalm 69 höre ich von David Worte der Verzweiflung und Klage? Wie passt das zusammen?
Es ist nicht sicher, wann David diesen Psalm geschrieben hat. Wahrscheinlich ist, dass David diesen Psalm während des Aufstands von Absalom geschrieben hat. Was ist damals geschehen? David erlebt, wie sich sein Sohn Absalom durch eine List gegen ihn wendet und sich selbst zum König ausrufen lässt. David flieht schließlich aus Jerusalem, und sein Sohn Absalom zieht mit seinen Kriegsleuten gegen seinen eigenen Vater David mit dessen Leuten. David und seine Leute gewinnen und Absalom wird getötet, was David sehr sehr betrübt. Vielleicht hat David die Verse dieses Psalms gebetet, als er allein ist und ihm das ganze Ausmaß der Tragik bewusst wird. David sagt in den Versen 2 und 3: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.“
Was kann mir das für mein heutiges Leben sagen?
1. Jeder Mensch, selbst einer, der so bekannt und in vielen Dingen so vorbildlich ist wie König David, erlebt auch dunkle Stunden in seinem Leben. Auch ein Mensch, der wie David voll Gottesfurcht und Gottvertrauen ist, kann in eine tiefe Not kommen. Die Ursache dieser Not kann von außen kommen, ohne dass ich dazu einen Anlass gegeben habe. David sagt in Vers 5 „Die mir ohne Ursache feind sind / und mich verderben wollen, sind mächtig.“ Es kann aber auch sein, dass mir eigene Schuld und eigenes Versagen bewusstwerden, wie in Vers 6 „Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.“ Schwere Stunden, Angst, vielleicht Krankheit, Verluste, eigenes Versagen sind Teil des Lebens auch derer, die Gott zutiefst vertrauen.
2. Das Großartige an diesem Psalm ist, dass David dies alles ehrlich Gott sagt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er zieht sich nicht zurück. Er verschweigt es nicht. Er redet es nicht schön. Ich darf Gott alles sagen. Ihm mein Herz ausschütten. Ich kann ihm sagen, was ich nicht verstehe. Ich sage Gott, wenn mir mein eigenes Versagen bewusst wird. Was zeigt besser, wie wahr es ist, dass Gott mein Vater ist. Und zunehmend wird in diesem Psalm aus der Klage über den erlebten Zustand eine Bitte an Gott: „Lass nicht zuschanden werden“ in Ver