Wie entstand das Patriarchat? Gab es früher ein Matriarchat?
Published 10 months, 1 week ago
Description
Es gibt wenige belastbare Belege, dass es früher, etwa in der Steinzeit, ein echtes Matriarchat gab – also ein gesellschaftliches System, in dem die Frauen die herrschende Klasse bildeten. Was manche als einen Hinweis werten, sind die bekannten frühen Frauen-Skulpturen – etwa die berühmte Venus vom Hohlefels aus der Schwäbischen Alb oder die Venus von Willendorf aus Österreich und andere. Es wurde früher schnell spekuliert, dass diese Skulpturen Göttinnen dargestellt haben. Angenommen, die Deutung ist richtig, dann findet man also aus der Zeit – das war die Eiszeit, vor 25.000 bis 40.000 Jahren – Darstellungen von Göttinnen, aber keine von Göttern. Also scheint es, dass die Frauen irgendwie wichtiger waren.
Das Problem: Das mit den Göttinnen ist reine Spekulation. Rein theoretisch können die Figuren genauso gut dekoratives Spielzeug gewesen sein oder steingewordene Männerfantasien. Das wird man vermutlich nie genau herausfinden. Insofern beweisen diese Figuren in Bezug auf ein Matriarchat ziemlich wenig.
Was gibt es sonst für Belege aus der Steinzeit, die etwas über die Rollen von Männern und Frauen verraten?
Ich bleibe mal in Europa. Da kann man sich Gräber anschauen: Wie wurden Männer und Frauen jeweils bestattet? Gab es da Unterschiede? Tatsächlich hat die Untersuchung von Gräbern schon geholfen, mit einem Mythos aufzuräumen. Früher gab es das Bild: Männer waren die Jäger, die die Nahrung herbeischafften, Frauen haben allenfalls ergänzend Früchte gesammelt und sich ansonsten um die Familie gekümmert. Das Bild wurde über den Haufen geworfen, als man Gräber fand, die umfangreich mit Jagdutensilien dekoriert waren – aber die Leiche sich als Frau entpuppte. Also haben auch Frauen gejagt, aber auch das beweist noch kein Matriarchat, sondern allenfalls eine gewisse Gleichstellung. Auch an anderen Befunden zeigt sich, dass es in der europäischen Steinzeit bis zu einem bestimmten Punkt zwar kein ausgeprägtes Matriarchat gab, aber die Geschlechter eher gleichgestellt waren.
"Bis zu einem gewissen Punkt" – wann und warum kippte das in Richtung Patriarchat?
Da hilft eine weitere Spur weiter: Die Genetik. Die Wissenschaft kann inzwischen die Gene von Steinzeitskeletten immer besser analysieren, und diese Gene können einiges verraten: Waren die Toten, die zusammen in Gräbern liegen, miteinander verwandt? Und wenn ja, wie? Kam es bei der Frage, wer wird mit wem zusammen bestattet wird, auf die väterliche oder die mütterliche Linie an? Die Gene verraten auch: Wer war alteingesessen, wer ist hinzugezogen oder eingewandert? Diese Informationen sind sehr aufschlussreich. Sie deuten darauf hin, dass sich vor knapp 6.000 Jahren einiges verändert hat.
Was hat sich vor etwa 6.000 Jahren verändert?
Zum einen wurde die Landwirtschaft intensiviert. Ackerbau gab es schon vorher, da waren auch die Frauen beteiligt. Aber vor knapp 6.000 Jahren, im weiteren Ostseegebiet, kamen Bauern auf den Gedanken, ihre Felder mithilfe von Ochsen zu pflügen. Das war schwere körperliche Arbeit, bei der man nicht nebenher kleine Kinder beaufsichtigen konnte. Das könnte ein Faktor gewesen sein, der dazu führte, dass sich die Ernährerrolle einseitig zu den Männern verschoben hat.
Das andere, was sich in dieser Zeit nachweisen lässt, sind verstärkte Handelsaktivitäten. An der Atlantikküste wurde Salz gewonnen und gehandelt, auch Jade. Das Händlerdasein ist männlich, denn man ist viel unterwegs mit Booten oder zieht auf Ochsenkarren übers Land. Auch das geht schwer mit kleinen Babys. Und zweitens war Handel etwas, womit man zu Wohlstand und damit auch zu Einfluss kommen konnte. Auch hier entsteht eine Verknüpfung von männlicher Rolle und höherem sozialem Status.
Das klingt plausibel. Aber kann man belegen, dass die Männer dadurch dominanter wurden?
Dass genau das die Gründe waren, kann man nicht beweisen. Aber es fällt auf, dass zeitgleich mit Ochsenpflug und Salzhandel die Männer bedeutsamer wurden. Das zeigt sich in der Grabkultur.
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