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Sind die Ostfriesen wirklich Weltmeister im Teetrinken?

Sind die Ostfriesen wirklich Weltmeister im Teetrinken?

Published 8 months, 4 weeks ago
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Sind die Ostfriesen wirklich Weltmeister im Teetrinken?

Das liest man zwar überall und ich habe diese Behauptung in früheren Berichten auch ungeprüft übernommen. Laut Deutschem Teeverband trinken die Ostfriesen pro Kopf 300 Liter Schwarz- und Grüntee im Jahr und demnach mehr als die Menschen in Libyen (287 Liter) und der Türkei (277 Liter), die nach Angaben des Internationalen Teehandelsverbands ITC die Rangliste im Ländervergleich anführen. Wer schon mal in Ostfriesland war, weiß, dass dort viel Tee getrunken wird. Trotzdem gibt es mehrere statistische Gründe, den angeblichen Weltrekord infrage zu stellen.

Statistische Rosinenpickerei

Der erste Grund ist: Die Türkei ist ein Staat, Ostfriesland eine Region. Da geht die statistische Rosinenpickerei schon los: Eine deutschen Region, von der man weiß, dass dort sehr viel Tee getrunken wird, zu vergleichen mit einem Durchschnittswert anderer Staaten. Dabei gibt es innerhalb dieser großen Länder ebenfalls regionale Unterschiede. An der türkischen Schwarzmeerküste, wo Tee angebaut wird, dürfte der Verbrauch höher liegen als im Rest der Türkei. Und wenn er nur 10 Prozent höher läge als der türkische Durchschnitt, könnten die Schwarzmeerküstenbewohner den Ostfriesen den Weltmeistertitel streitig machen. Doch auch an der Zahl von 300 Litern pro Kopf drängen sich Zweifel auf.

Wie der Teekonsum berechnet wird

Denn wie werden diese Verbrauchszahlen überhaupt ermittelt? Das Internationale Teekomitee (ITC) hat dafür eine einfache Formel: Wie viel Tee importiert ein Land? Wie viel Tee produziert es selber? Das wird addiert, und davon abgezogen wird die Menge, die ein Land exportiert. Daraus ergibt sich die Summe an Teepulver in Tonnen, die in einem Land bleibt und naheliegenderweise von den dortigen Bewohnern in flüssiger Form konsumiert wird. Aus einem Kilogramm entstehen ungefähr 90 Liter Tee, das ist die gängige Umrechnungsformel. Im Fall von Ostfriesland kommt man dann auf 140 Millionen Liter Tee, die sich auf knapp 470.000 Einwohner verteilen. Macht ziemlich genau 300 Liter pro Ostfriese und Jahr.

Statistische Falle beim "Pro-Kopf"-Verbrauch

Das klingt erstmal plausibel, aber wenn man auf diese Weise einen Pro-Kopf-Konsum ermittelt, kann man leicht in eine statistische Falle tappen. Für die gibt es ein Lehrbuchbeispiel aus der Statistik: Welches Land hat die höchste Kriminalitätsrate. Antwort: Der Vatikan. Warum? Weil der Petersplatz viele Besucher und viele Taschendiebe anlockt. Hunderte Delikte werden dort pro Jahr gemeldet. Aber der Vatikan hat offiziell nur knapp 500 Einwohner. Die Kriminalitätsrate ist aber per Definition die Zahl der Delikte geteilt durch die Zahl der Einwohner. Wenn man so rechnet, kommt man beim Vatikan im Schnitt auf ein Verbrechen pro Einwohner. Also wäre fast jeder Vatikan-Bewohner – aber nur deshalb weil die vielen Besucher bei der Berechnung der Kriminalitätsrate unter den Tisch fallen. In diese Falle kann man auch tappen, wenn man den Teekonsum in Ostfriesland errechnet. Denn auch Ostfriesland hat überdurchschnittlich viele Urlauber im Verhältnis zur Einwohnerzahl. In Ostfriesland wohnen 460.000 Menschen, aber zusätzlich halten sich zwischen Emden und Norderney 100.000 Touri
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