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Der schmale Grat - über Takt und Taktgefühl
Description
Im falschen Moment grinsen, im richtigen Moment schweigen - zwischen Taktlosigkeit und Taktgefühl liegt oft nur eine winzige, aber entscheidende Geste. Kippt die Stimmung oder hält die zwischenmenschliche Wetterlage? Über eine Tugend, die keinen Regeln gehorcht und doch so wichtig ist für ein gutes Miteinander. Autorin: Constanze Álvarez (BR 2025)
Credits
Autorin dieser Folge: Constanze Alvarez
Regie: Kirsten Böttcher
Es sprachen: Caroline Ebner, Thomas Birnstiel, Friedrich Schloffer
Technik: Monika Gsaenger
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
- Martin Scherer, Schriftsteller, Philosoph
- Niklas Barth, Soziologe an der LMU München
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
SPRECHERIN:
Als Angela Merkel 2007 zu Gast bei Wladimir Putin im Kreml war, wartete der russische Präsident ihr mit einer unangenehmen Überraschung auf: Er ließ einen riesigen schwarzen Labrador um ihre Beine streifen, wohlwissend, dass sich die deutsche Kanzlerin vor Hunden fürchtet. Auf diese Taktlosigkeit, die man auch als Boshaftigkeit bezeichnen könnte, reagiert Angela Merkel mit äußerster Zurückhaltung. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie sich unwohl fühlt. Allerdings verzichtet die Kanzlerin darauf, sich zu Putins Affront zu äußern.
SPRECHER:
Merkel verlässt weder den Saal, noch beschwert sie sich lauthals, sie verkneift sich sogar eine kritische Bemerkung. Damit vermeidet sie einen Eklat, möglicherweise einen Gesichtsverlust. Vor allem sorgt sie mit ihren Verhalten dafür, dass das Gespräch weiter geht, dass es nicht stockt oder abrupt aufhört. Man könnte auch sagen: Ihr Gespür für die richtige Geste im richtigen Moment rettete sie aus der Situation.
SPRECHERIN:
Die richtige Geste im richtigen Moment, damit nähern wir uns der Definition von Takt:
OT 1 Takt Martin Scherer
Takt ist eine Form des Feingefühls. Takt ist ein Gespür. Takt ist eine Intuition. Takt ist ein bewusstes Momentum, in dem eine Geste zum richtigen Zeitpunkt fällt, ausgeübt wird. Genauso ist aber Takt das Vermeiden und Unterlassen einer Geste. Es kann taktvoll zu sein, auf etwas nicht zu reagieren, nichts zu sagen in einem Moment, beispielsweise auch kein Trost zu spenden, der einfach und billig wirken würde, wie umgekehrt es sozusagen auch aktive, kreative Gesten geben kann, die das Gegenüber überraschen, verblüffen und für einen Moment entlasten.
SPRECHERIN:
Sagt der Schriftsteller und Philosoph Martin Scherer. In seinem Buch „Takt – Über Nähe und Distanz im menschlichen Umgang“ hat er sich eingehend mit dieser Tugend beschäftigt. Der Begriff Takt mag altmodisch klingen. Und doch ist er nach wie vor wichtig, nicht nur, um in der hohen Politik zu bestehen, sondern auch im ganz normalen Alltag.
SPRECHER:
Takt hat viele Facetten: Er ist dazu da, Peinlichkeiten zu vermeiden, oder, wenn diese eingetreten sind, der Person über den Faux Pas, also den Fehltritt, hinwegzuhelfen. Interessanterweise sprechen wir meistens über Takt, wenn wir ihn vermissen, wenn er in einer bestimmten Situation fehlt. Spanier sprechen dann immer von einer „falta de t