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Die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz - Auf der Suche nach dem Ich
Description
Marie Luise Kaschnitz ist eine der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegsjahre. Sie beschreibt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, beschäftigt sich immer wieder mit dem eigenen Ich, ist eng befreundet mit Ingeborg Bachmann und Theodor W. Adorno. Als sie 1974 stirbt, hinterlässt sie ein vielschichtiges Werk. Doch heute scheint sie fast vergessen. Autorin: Juliane Ziegler (BR 2022)
Credits
Autorin dieser Folge: Juliane Ziegler
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Bürkle
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Andrea Bräu
Im Interview:
Brigitte Raitz, Germanistin und Kuratorin zweier Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz
Literaturhinweise:
Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg.: Christian Büttrich. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1981-1989.
Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.
Kaschnitz, Marie Luise: Liebe beginnt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.
Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche. Ausgewählt von Christian Büttrich. der Hörverlag, 2001. (CD)
Raitz, Brigitte: „Ein Wörterbuch anlegen". Marie Luise Kaschnitz zum 100. Geburtstag. Marbacher Magazin 95/2001: Marbach am Neckar, 2001.
von Gersdorff, Dagmar: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp, 1992.
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATORIN: KASCHNITZ/DAS DICKE KIND
Wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frisst, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm.
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Dann geht das träge Raupen-Mädchen hinaus, zum zugefrorenen See, wo die ältere Schwester Pirouetten dreht. Anmutig und schön. Das dicke Kind jedoch bricht im Eis ein. Alles beobachtet von der Erzählerin - auf sie übt das Kind eine seltsame Anziehung aus.
Dieser Text von 1952 gilt als eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz. Die Ludwigsburger Germanistin Brigitte Raitz sagt:
O-TON (1) RAITZ
Das Besondere ist - dass Kaschnitz praktisch sich selbst als Kind und auch ihre damalige große Eifersucht auf die ältere Schwester Lonja thematisiert. Also es ist so’ne Verwandlung, also am Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Und das hat sie öfters thematisiert.
O-TON (2)
Interview: Marie Luise Kaschnitz mit Horst Bienek, 1961, Hessischer Rundfunk
Ja, das dicke Kind bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen und ich bin auch einmal eingebrochen, aber - wie das dicke Kind - nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing.
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