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Der Misanthrop - Kulturgeschichte des Menschenfeinds
Description
Misanthropen werden vielfach kritisiert, doch sie schaffen durch Irritationen eine reflexionsfördernde Distanz zu etablierten Denkweisen. Von Rolf Cantzen (BR 2019)
Credits
Autor dieser Folge: Rolf Cantzen
Regie: Irene schuck
Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Andreas Neumann
Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Prof. Dr. Ulrich Horstmann, emeritierter Professor für Anglistik, Schriftsteller, Essayist,
Prof. Dr. Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin
Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
ZITATOR 1: (boshaft)
Timons Hass geweiht
Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit.
ERZÄHLERIN:
Timon ist bei Shakespeare der Protagonist des Menschenhasses.
O-TON 1: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd)
„Pssst, jetzt lassen wir zusammen die Sau raus.“
ERZÄHLERIN:
… zusammen mit Ulrich Horstmann.
MUSIK AUS
Er ist Professor für englische Literaturwissenschaft, Schriftsteller und Verfasser der philosophischen Streitschrift „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“.
O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann
Menschenflüchtiges Denken lebt aus dem Pathos der Distanz.
ERZÄHLERIN:
Bei der Menschenflucht und beim Menschenhass geht es vor allem darum, Abstand zu gewinnen und Distanz herzustellen – zu den Menschen, unter denen man leidet, weil sie einem selbst oder anderen Menschen Schlimmes angetan haben oder auch, weil man ihre Nähe nicht mehr aushält. Dann kommen sie – böse, menschenfeindliche Gedanken:
O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann
Ausflüge in das Nicht-Erlaubte, eigentlich Nicht-Tolerierbare, in die Randbezirke dessen, was uns durch den Kopf geht, in den abgeschlossenen, abgesperrten Hinterstübchen. …
ERZÄHLERIN:
Gelegentlicher Menschenhass könne Entlastung bieten, meint Ulrich Horstmann:
O-TON 4: Prof. Dr. Ulrich Horstmann
Solche Ausflüge waren immer attraktiv, wenn nicht jemand daraus Handlungsanweisungen und Imperative ableitet.
ERZÄHLERIN:
Es geht also bei menschenflüchtigen oder menschenhassenden Ausflügen nicht darum, etwas zu tun, es geht darum, sich bestimmte Gedanken zu gestatten, vielleicht auch, damit wir es nicht tun: Ein gedankliches Korrektiv, das prophylaktisch wirkt. Obwohl – geben wir es ruhig zu – uns unliebsame Besucher oder Menschen im Allgemeinen schon gewaltig auf die Nerven gehen können:
O-Ton 5: Prof. Dr. Ulrich Horstmann
Die Möglichkeit das eigentlich Unaussprechliche herauszulassen und einem Stellvertreter zuzuhören, der das artikuliert, was man selbst nicht sagen darf, das ist der Köder und den schlucken wir von Zeit zu Zeit alle liebend gern.
ERZÄHLERIN:
Stellvertreter können die Protagonisten in Büchern, im Theater, in Filmen sein. Ein Auslöser für menschenhasserische Impulse können auch Situationen sein, in denen wieder einmal von uns erwartet wird, menschenliebenden Appellen und Tugenden beizupflichten, wenn uns positive Menschenbilder beruhigen, wenn optimistische Philosophien und der Glaube an den Fortschritt uns beglücken sollen ...
MUSIK:
ZITATOR 2: (hier und im Folgenden ironisierend)<